Das Gehirn und seine Manipulierbarkeit

Der Zeugenbeweis ist immer noch der meistgeschätzte Beweis im Strafprozess. So muss ein Zeuge vor Gericht grundsätzlich persönlich Aussagen, ein Protokoll seiner Aussage bei der Polizei darf nur in bestimmten Ausnahmen verlesen werden. Dabei ist der Zeuge das wahrscheinlich schlechteste Beweismittel und dies liegt mehr oder weniger darin wie unser Gedächtnis funktioniert.

In Rechtspsychologie ging es quasi nur um die Frage, wie stark das Gehirn Erinnerungen verfälscht. Dabei gibt es unterschiedliche Effekte die auftreten können. Einerseits natürlich sogenannte Suggestivfragen. Suggestion ist eine große Gefahr bei der Vernehmung von Zeugen. Bei Kindern kann man Suggestionsraten von 80% erreichen, das heißt bei 8 von 10 Kindern kann man etwas einpflanzen. Bei Erwachsenen liegt die Rate, je nachdem was eingepflanzt werden soll, bei bis zu 60%.

Ein ganz krasses Negativbeispiel sind die Wormer Missbrauchsprozesse zwischen 1993 und 1997. In einem Scheidungsverfahren bezichtigte eine Frau ihren Ehemann des Kindesmissbrauchs. Ein Kinderschutz-Verein  vernahm dann diese Kinder und deckte so einen Kindesmissbrauch in unbekannten Ausmaßen auf. 25 Personen wurde in drei Verfahren schwerer Kindesmissbrauchs innerhalb eines angeblichen Pornorings vorgeworfen. Gegen viele wurde Untersuchungshaft angeordnet, die Kinder wurde aus den Familien genommen und in Pflegefamilien gesteckt.

Im Prozess stellte sich dann heraus, dass viele Aussagen so nicht stimmen konnten. Die aussagepsychologischen Gutachten der Aussagen der Kinder deuteten auf Suggestion hin. Zum Teil wurde von Missbräuchen zu Zeitpunkten berichtet, da waren die Kinder noch gar nicht geboren. Auch sollen die Eltern ihre Kinder missbraucht haben, als bereits Untersuchungshaft angeordnet war.

Der Prozess endete, obwohl die Staatsanwaltschaft bis zu letzte teilweise 13 ½ Jahre Freiheitsstrafe forderte, in allen Fällen mit Freispruch. Der Richter entschuldigte sich bei allen Beschuldigten und erklärte, dass es den angeblichen Massenmissbrauch nie gegeben hat. Trotzdem hatte das Verfahren massive Folgen für alle Beteiligte.

Eine angeklagte Großmutter verstarb in Untersuchungshaft. Die Beschuldigten verloren nicht nur ihren Job, sondern waren durch ihre Anwaltskosten teilweise auch finanziell ruiniert. Viele Ehren zerbrachen. Das vermutlich schlimmste war aber wohl, dass die Familien ihre Kinder nicht zurückbekamen. Teilweise fand solch eine Entfremdung in den Kinderheimen und Pflegefamilien statt, dass eine Rückkehr nicht mehr möglich war. Bis heute glauben einige „Scheinopfer“, dass sie tatsächlich von ihren Eltern missbraucht wurde. Und wäre dies nicht genug: Der Heimleiter, bei dem die Kinder untergebracht wurden, wurde rund 10 Jahre später rechtskräftig wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern verurteilt.

Es muss aber nicht immer Suggestion sein, es kann auch einfach das Gehirn einen Streich spielen. Bekannt ist zum Beispiel der sogenannte „Waffenfokus“. Eine Person der eine Waffe ins Gesicht gehalten wird, kann sich anschließend nicht mehr an die Person erinnern, sondern maximal noch an die Waffe und die Hand. Es gibt dabei auch Experimente beim Zahnarzt. Patienten die zum ersten Mal bei einem Zahnarzt waren, können anschließend in der Regel den Zahnarzt nicht beschreiben.

Aber damit komme ich auch auf meine eigentliche Geschichte, die ich erzählen wollte. Gestern als ich auf den Bus wartete, hielt ein Wagen an der Ampel und eine Frau gestikulierte wild ihrem Beifahrer. Der Beifahrer stieg aus und schaute recht planlos und guckte sich andauernd um. Alles sehr suspekt. Die Frau fuhr weiter und der Mann machte sich bei meinem Haus am Klingelschild zu schaffen.

Da fragte ich mich, wie gut ich wohl noch als Zeuge taugen würde, wenn ich das Auto und die Fahrerin beschreiben müssten…

Hum der Wagen war jedenfalls ein VW Kombi, vermutlich ein Passat, ca 15 Jahre alt. Es war ein dunkles Lila oder dunkles Blau. Die Frau war schon älter so ca. 60 und hatte längeres lockiges braunes Haar. Ja da war ich mir recht sicher.

3 Minuten später kommt der Wagen erneut und parkt direkt neben mir ein… Ja es war ein VW Kombi… Er war aber knalle Türkis-Grün und es war kein Passat. Die Frau war maximal 40 Jahre alt und ihr langes lockiges braunes Haar hat sich anscheinend ganz schnell zu einer nichtlockigen Kurzhaarfriseur verwandelt…

Ich war ein bisschen schockiert… Vor allem wegen der Farbe des Autos… Ich hätte schwören können, dass es ein fast schwarzes Lila war… Auch bei den Locker und dem Alter wäre ich mir zu 100% sicher gewesen.

Im Endeffekt zeigt es aber, wie ungenau Zeugenaussagen sind. Dies führt nicht nur dazu, dass ein tatsächlicher Täter nicht erwischt wird, sondern, was noch viel schlimmer ist, ein Unschuldiger wird möglicherweise deswegen angeklagt oder gar verurteilt.

Aber was vielleicht tröstlich ist: Mit aussagepsychologischen Gutachten kann man heutzutage ganz gut die Glaubhaftigkeit einer Aussage festgestellt werden. Meine Professoren gingen, bei fachgerechter Durchführung, von einer Fehlerquote von unter 5% aus. Zumindest wenn es um eine belastende Aussage geht. Wenn jemand lediglich eine entlastende Aussage macht, also ala „Er hat X nicht getan“ oder „Er war nicht an Ort Y“, ist das ganze schwerer, da weniger Informationen vorliegen. Die aussagepsychologische Begutachtung scheitert aber dann, wenn der Zeuge selbst glaubt, dass es stimmt was er da gesehen hat. Vor allem bei Suggestionen versagt diese Technik leider häufig.

4 Gedanken zu „Das Gehirn und seine Manipulierbarkeit“

  1. 5% wären aber, wenn man so drüber nachdenkt, immer noch ne Menge. Aber was will man auch gegen diesen fundamentalen “Flaw” machen

  2. Spannend! Das Thema Suggestion gerade bei Kindern hatten wir in Entwicklungspsychologie. Es ist erschreckend, wie schnell es möglich ist, einem Kind etwas einzureden, das es dann auch wirklich glaubt.

  3. Sehr schöne Beispiele, wobei auf der Strecke blieb, wie das Gedächtnis denn nun funktioniert. Also als Zusatz: Es speichert keine Daten wie einen Film in unserem Gehirn ab, sondern legt nur Eckpunkte fest, anhand derer bei Abruf wieder rekonstruiert wird. Dadurch kommt es häufig zu deinem beschriebenen “False Memory Effect”, bei dem der beteiligte Dinge glaubt, gesehen oder erlebt zu haben, die so objektiv betrachtet nicht stimmen können. Wenn man die Leute damit konfrontiert, ist ein guter Prozentsatz übrigens weiterhin felsenfest überzeugt.

  4. Ein Teil ist auch selektive Wahrnehmung. Das heisst, man nimmt erstens nur bestimmte Dinge in der Umwelt wahr, die für einen persönlich wichtig sind und das ist wiederum für jede Person anders. Die unwichtigen Dinge werden ausgeblendet und vielleicht möglicherweise überschrieben von anderen Dingen.

    Echt interessant, denn mir ist das auch schon passiert.
    Als ich eine Person mit anderen Leuten beschreiben sollte, wurde ein schwarzhaarigen Mann zu einem braunhaarigen. (oder umgekehrt, aber das ist ja nicht der Punkt) Wie du hätte ich wetten können, dass er die Haarfarbe hatte, die ich gesagt hatte.

    Die andere Frage ist aber, wenn man das so weiss, warum wird die Zeugenaussage immer noch so wahnsinnig überbetont und wert gelegt?

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